Linz braucht Raum . Linz frißt sein Umland. Wo junge Stadt auf altes Land vorstößt, muß nicht unbedingt Neues entstehen. Bleibt alles beim Alten, kommen nicht nur Grasbüschel unter die Räder. Eugenie Kain hat die Ränder der Stadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln erkundet. Hillinger bringt ihre Berichte von der Peripherie in gekürzter Fassung.

 

Linz - Rand, Teil IV von Eugénie Kain , Mai 95

die dunklen Flächen werden die neuen Wohngebiete für ca. 20000 Bewohner

 

Schatten über Solar City

Eine Stadt zieht ins Dorf. Pichling, dem Dorf am Rande von Linz, dem Dorf am Rande der Traunau und der Donauau steht viel Zukunft bevor. Es wird "Solar - City" für 20 000 neue BewohnerInnen. Die Architekten sind bestellt, ab 1996 wird gebaut. Aber die Bebauungspläne verursachen vielen AltpichlingerInnen ein ungutes Gefühl in der Magengegend.

 

Im Raum Ebelsberg und Pichling kann sich die Stadt noch ausdehnen. Am Ennsfeld wächst Wohnblock um Wohnblock mit wenig Platz dazwischen aus der grünen Wiese, während die BewohnerInnen auf den Anschluß an die Straßenbahn und mehr Infrastruktur warten.

 

1998 soll es so weit sein, dann liegen auch Ebelsberg und Pichling -Rand an der Linie 1. Bis Ebelsberg ist der E-Wagen ja schon einmal gefahren. Die Streckenerweiterung jetzt wird der ESG 210 Millionen Schilling kosten. Inzwischen hat man erkannt, daß auch die Einstellung der Florianer - Bahn ein Schaden war.

 

Um Planungsfehler und Planungssünden, wie sie in den ehemaligen Stadtentwicklungsgebieten Urfahrs, Kleinmünchnens, in der Neuen Heimat und in Oed begangen wurden, zu verringern, gibt es für Pichling einen Masterplan. Ein Masterplan ist um einiges detaillierter als ein Stadtentwicklungsplan und bezieht nicht nur die geplante Bebauung sondern auch ihre Erschließung und das "Umfeld" in den Entwurf mit ein.

 

Die Beteiligung der Bevölkerung an der Planung sieht aber auch ein Masterplan nicht vor. Für den "Masterplan Seenbezirk Linz - Pichling" ist Roland Rainer verantwortlich. Für Rainer, Architekt der Wiener Stadthalle und des ORF - Zentrums am Küniglberg ist Linz kein Neuland.

 

Er steht für die Gartenstadt Puchenau und hat in jüngster Zeit eine Siedlung an der Leonfeldnerstraße und eine in Auwiesen "gebaut".

 

Rainer ist ein deklarierter Gegner von Hochhäusern, ein Befürworter des verdichteten Flachbaus und nimmt Anleihen bei vorindustriellen orientalische Siedlungsformen.

 

Der Masterplan für Pichling sieht in groben Zügen folgendes vor: Entlang einer begrünten "Promenadenstraße" reihen sich Siedlungen, sogenannte "Nachbarschaften" mit vierstöckigen Häusern an der südlichen Straßenseite mit Geschäften, Betrieben und Büros und dahinter drei- bis einstöckige Reihen- und Atriumhäuser für jeweils 1500 bis 2000 Einwohner.

 

Die Autos bleiben vor den Siedlungen in zentralen Garagen, auf der "Promenadenstraße" sollen (einmal) auch Straßenbahn und Radwege geführt werden.

 

Der Bahnhof Pichling soll zu einem sechsstöckigen Infrastrukturzentrum inklusive Post, Polizei, Ärztezentrum, Geschäften und Büros umgebaut werden, auf das freie Feld zwischen Pichlingerstraße und B1 kommen Bauhof, Müllsammelzentrum und Feuerwehr. Schule, Kindergärten und Spielplätze sollen das Niemandsland zwischen bebautem und neuem Wohngebiet überbrücken.

 

Die Au soll gänzlich unberührt und durch einen 50m breiten "Schutzstreifen" vom Wohngebiet getrennt bleiben.

 

Vorgesehen im Masterplan ist auch die Erschließung des neuen Wohngebietes mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Einerseits mit einer verlängerten Straßenbahn bis zum Bahnhof Pichling, andererseits mit Schnellbussen auf einer geplanten Umfahrungsstraße von Ebelsberg entlang der Westbahn und darüberhinaus mit einem Schienennahverkehr auf zusätzlichen geplanten Gleisen der ÖBB.

 

So stehts auf dem Papier und so ist es als Rahmenkozept bereits abgesegnet. Die Pichlinger und Pichlingerinnen, die schon jetzt auf dem Masterplangebiet zwischen Brachsenweg und Schnepfenweg wohnen, sehen's mit gemischten Gefühlen: Mehr Infrastrukur wär nicht schlecht und eine besser Anbindung an den öffentlichen Verkehr auch nicht.

 

Was aber, wenn wie üblich zuerst die Häuser kommen und dann lange gar nichts? Gibt es auch so etwas wie ein Sozialkonzept, damit die Neuen nicht unvermittelt auf die Alten prallen?

 

Der Zug von Pichling braucht bis zum Hauptbahnhof 11 Minuten. Wann aber bleibt ein Zug in Pichling stehen? Heißt es nicht, die ÖBB muß sparen und dann soll es ein Extragleis für Pichling geben?

 

Über die Umfahrungsstraße wird wegen Kosten zwischen Bund, Land und Stadt, wegen der Route zwischen den Parteien gestritten.

 

Und was ist mit dem dörflichen Charakter von Pichling? Soll der einfach so verloren gehen? Was ist mit dem Zentrum von Pichling? Soll das zukünftige Zentrum von Pichling ein Einkaufszentrum sein? Kann die Au durch eine 50 m breite Schutzzone wirklich geschützt werden?

 

Daß Skepsis angebracht ist, zeigte die Präsentation des Detail- und Gestaltungskonzeptes" für Pichling, die Stufe 3 des Masterplanes im Volkshaus Ebelsberg im Oktober des vergangenen Jahres. Die Forderung der AltpichlingerInnen nach Gestaltung "ihres" Ortszentrums um die Kirche wurde als nicht zum Thema gehörend abgetan.

 

Besonders bürgernah wieder einmal Verkehrsstadtrat Six (F), der mit dem Argument, "neben der B1 wohnen ohnehin keine Leute" das Lärm und Abgasproblem dieser Bundesstraße ignorierte und deutlich machte daß die Erstellung eines Gesamtverkehrskonzeptes seine Sache nicht ist: Es wird eine Umfahrung geben, auf der als Provisorium ein Bus verkehrt, aber ohne eigene Busspur und ohne Radweg.

 

Sunny future for solar city? Während den Anliegen der Bevölkerung also wenig Gehör geschenkt wird, geht das Projekt Solar City seiner Verwirklichung entgegen.

 

Die EU hat sich bereit erklärt, Solar City mit 8 Millionen Schilling zu fördern, wenn die Stadt Linz und die beteiligten Wohnbaugesellschaften WAG, WSG, GWG und Neue Heimat den selben Betrag zahlen.

 

Jetzt wurden mit Norman Forster, Richard Rogers, Thomas Herzog und Renzo Piano vier Architekten betraut, eine Mustersiedlung mit 500 Wohnungen zu entwerfen, die mit 40 bis 70 Prozent weniger Energie auskommt.

 

Die Architekten sind Experten der Nutzung von Solarenergie für den Wohnungsbau. Solche Stars bauen aber nicht gerne nach Vorlage eines Masterplanes, den ein anderer entworfen hat. Deshalb haben sie mit der Stadt bereits ausgehandelt, von manchen der Vorgaben abzuweichen.

 

Der Bevölkerung zur Seite steht die Werkstatt Lebensumwelt. Sie besteht auf der Vision vom lebendigen Ort und hat sich auf den Weg durch die Mühen der Ebene gemacht,um durch Vermittlung zwischen Bevölkerung und Institutionen diese Vision doch noch einmal zu verwirklichen.

 

Die Werkstatt, entstanden in der Tradition des Projektes "Gesunde Städte" der WHO ist seit 1989 in Ebelsberg und Pichling aktiv und versucht gemeinsam mit den BewohnerInnen dieses Gebietes, die Lebens- und Umweltbedingungen zu verbessern. Jede Planung braucht Vorgaben, lautet die Devise und bei diesen Vorgaben muß die betroffene Bevölkerung mitreden können. Denn schließlich ist es selbstverständlich, daß BewohnerInnen in einem Planungsprozeß mitentscheiden können. Auch Kinder und Jugendliche. Nur so kann gewährleistet werden, daß nicht auf Papier gebaut wird.

 

Mit den Feldern werden in Pichling auch die Bauern verschwinden. Einige umgewidmete Bauernhöfe sind im Masterplan eingetragen. Wer sich das Dorf Pichling anschauen will, hat noch etwas Zeit. Auch für einen Ausflug in den Urwald. In der Schweigau zum Beispiel erzählen verrottete Zillen von den langanhaltendenVerheerungen, die der Kraftwerksbau Abwinden-Asten angerichtet hat und Lianenvorhänge und Teppiche aus Schlüsselblumen und Bärlauch von der Widerstandskraft der Au.

 

Die Au ist stark und hält auch grobe Verwundungen aus. Hoffentlich auch den Ansturm von Solar City.

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